Kulturunterschiede

Auf dem Bild ist das Eisberg-Modell abgebildet, es stellt die Kultur eines jeden Landes dar.
Es gibt bewusste Kultureigenschaften, die durch Bücher, das Internet oder erzählt, für Ausländer bekannt sind.
Eine Kultur besteht aber aus viel mehr, als nur diesen Oberflächlichen Merkmalen.  So gibt es in der Schweiz nicht nur Banken und Schokoladenläden. (aus der Vorstellung eines Brasilianers) 
Es gibt Ursprünge und Gründe für Verhalten und Lebensweisen.

In einem Austausch hat man die Möglichkeit, auf einzigartige Weise in das kalte Wasser einzutauchen und das Verborgene des Eisbergs durch die Taucherbrille kennen und schätzen zu lernen.

Und vielleicht gelingt es dem ein oder anderen sogar, die Taucherbrille abzunehmen und sich den Umständen ganz anzupassen.

Zur Abwechslung, um nicht immer nur mein Wochenprogramm hinunterzuleiern, wollte ich euch etwas über das Ticowesen und Costa Rica erzählen. Der folgende Blogeintrag ist vielleicht eine etwas übertriebene Stereotypisierung, die man nicht auf alle übertragen sollte. Auch sei zu bedenken, dass ich jetzt erst seit 2 Monaten hier bin und immer noch eine sehr oberflächliche Wahrnehmung von den Lebensweisen und Art der Einheimischen habe (Eisberg-Prinzip)
Ich habe vor, gegen Ende meines Austauschs meine jetzige Sichtweise nochmals durchzulesen, zu reflektieren und zu ergänzen. Ich hoffe, dass ich zu diesem Zeitpunkt Unterschiede als verständlicher und normaler anschaue und von dem Grund des Eisbergs erzählen kann.

Also dann [Räuspern]

Der Tico [auch bekannt als Einheimischer Costa Ricaner] lebt mit 51'500km^2 im zweitkleinsten Land Amerikas. Abgegrenzt ist das tropische Land seewärts vom karibischen Meer zur rechten und vom Pazifik zur linken Seite, landwärts von den Nachbarländern Panama und Nicaragua.
Costa Rica besitzt eine sehr reiche Fauna und Flora sowie eine grosse Varietät des Klimas. So kann es gleichzeitig bei uns in Santa Cruz sonnig, wolkenlos sein, während es gleichzeitig eine halbe Stunde Autofahrt entfernt in Nicoya in Strömen regnet.

Das costa ricanische Wesen ist ein überaus liebevolles, glückliches und kontaktfreudiges Wesen. 
Die Menschen lächeln viel und sprechen mit wildfremden Personen, als wären sie alte Bekannte.
Ticos sind auch bekannt dafür, sehr gastfreundlich zu sein. So wird Besuch jederzeit herzlich empfangen und reich bewirtet.
Ausserdem tanzen die Leute hier viel und gerne.
Die meisten beherrschen die Grundschritte, nur vereinzelte können richtig gut tanzen.
Aber im Vergleich zu uns Schweizer Bauerntrampel ist das die Mehrheit ;-)

Freie Tage gestaltet der Tico ganz nach dem Lebensmotto Pura Vida [Synonym Hakuna Matata - das Leben geniessend] was manchmal auch einfach bedeutet, nach der Kirche am Sonntagmorgen den ganzen Tag im Wohnzimmer zu sitzen, mit der Fernbedienung in der einen und dem Handy und dem offenen Facebookfeed in der anderen Hand.
Aber solche Tage haben wir in der Schweiz wohl auch.

Einer der grössten Unterschiede ist wohl die Ernährung.
Das Essen fällt, trotz einem reichen landeseigenen Angebot an tropischen Früchten und Gemüse, aus europäischer Sicht oft sehr kohlenhydratreich und fettig aus. Aber meistens ist es mit viel Liebe und Aufwand zubereitet, was es wieder gut macht.

Etwas, was mich sehr überrascht hat am Essen, ist, wie viel die Zutat Mais gebraucht wird. Sei es als Mehl in Teigen für frittierte Gebäcke, als Süssspeisen, in Reisgerichten, sogar getrunken in einem traditionellen Süssgetränk findet sich die Zutat.

Generell mundet dem Tico Fleisch in allen Formen und Farben, welches ab und zu mit Fisch und anderen Meeresfrüchten ersetzt wird. Das "Desayuno" am Morgen wird häufig ganz ausgelassen oder nur mit einer Tasse Kaffee genommen.
Das landestypische Morgenessen ist im Gegensatz dazu aber sehr üppig. Es besteht aus Eiern und der, zu jeder Tageszeit mitgegessenen, Kombination aus Reis und Bohnen. Manchmal wird das Gallo Pinto - so der Namen des Gerichts - auch mit Salchichas (Würstchen), Käse oder Tortilla ergänzt. 

Im Umgang der Menschen miteinander, finde ich extrem viele Unterschiede:
Wir Schweizer achten immer übergenaust darauf niemanden zu verletzen, mit dem was wir sagen. Vieles wird bei uns schnell als Beleidigung aufgefasst und man spricht für ein paar Wochen nicht mehr miteinander, auch wenn es vielleicht nur ein Missverständnis war.
Hier läuft das ganz anders.
Man macht Witze über die beste Freunde, und lacht sich gegenseitig aus. Man sagt gerade heraus, wenn jemand Gewicht zugenommen hat, viele Pickel hat oder sonst eine sozial als unschöne annerkannte Körpereigenheit hat.
Auch mit Hautfarben und Rassenunterschiede wird nicht so verklemmt umgegangen, wie bei uns in der Schweiz, wo man, um auch um gar niemanden zu verletzen, manchmal bis zu Bezeichnungen wie "mit dunkel pigmentierter Haut" greift.

Im andere kommentieren und bewerten sind die Menschen hier extrem direkt, im über Problem- und Tabuthemen sprechen hingegen sind sie extrem zurückhaltend und manchmal ziemlich konservativ. So ist Aufklärung und richtiger Sexualunterricht, sowie aktive Erklärungen von Eltern über Verhütung höchst selten. Auch wenn Kondome in allen Grössen und Formen direkt an der Kasse zwischen Schokoriegel hängen, ist die Angst vor dem Klatsch und Tratsch der Nachbarn und Bekannten, die hinter einem in der Schlange stehen, zu gross. Das Resultat sind dann 16 jährige Mädchen, die ihr dreijähriges Kind mit zur Schule mitbringen müssen, weil es keine Kinderkrippen gibt und die Eltern arbeiten müssen.

Auch wenn man Probleme mit jemanden hat, wird das sehr indirekt gezeigt und kommt nur durch Geläster und Gerüchte zum Vorschein.

Unter Freunden sind sie eher Einzelkämpfer und schauen zuerst mal, dass es ihnen selbst gut geht. Alle haben zwar eine Gruppe und ein besten Freund, aber Treue und Versprechungen, Rücksichtsnahme und gegenseitige Unterstützungen in Freundschaften sind weniger wichtig als in der Schweiz.
Freunde sind für die Schule, die Familie fürs Leben.

Typisch sind die Familien sehr gross.
Ich habe insgesamt 5 Tanten und 6 Onkel und die haben insgesamt auch nochmals je 3 Kinder und bereits 2 Enkelkinder. Und das ist jetzt erst die Seite meiner Mutter hier.
Meine ganze Familie lebt im ganzen Land verstreut, aber zu Festtagen wie die "Heilige Woche vor Ostern", kommen sie zu zwanzigst zusammen und campen für eine Woche in unserem gemeinsamen ein-Zimmer-mit-Bad-und-6-Betten-Strandhaus.
(Das war ziemlich lustig... Und eng, aber meine Familie und ich - die im Gegensatz zu den anderen nur eine halbe Stunde vom Ferienhaus entfernt wohnen - schliefen nur eine Nacht da)

Oftmals ist in der Familie einen guten Zusammenhalt. Man unterstützt sich gegenseitig sehr. Sie haben ihr ganzes Leben meist täglichen Kontakt zu den Geschwister und den Eltern, oftmals leben drei oder, in meinem Fall, sogar vier Generationen in einem Haushalt.


Costa Ricanerinnen ist das Aussehen sehr wichtig. Oft tragen sie Spiegel, Make up, ja manchmal sogar kleine Rasierklingen mit sich herum, um sich in der Fünfminutenpause gegenseitig die Augenbrauen zu rasieren.
Auch die Nägel sind immer gemacht, Frisuren sitzen perfekt und Hals und Ohrschmuck sind abgestimmt.

Vielleicht ist das ihr kulturtypisches Wesen, vielleicht aber auch ihre Art sich trotz der Schuluniform individuell herauszuheben zu können.

Ich als Europäerin mit heller Haut, blondem Haar und blauen Augen werde von ihnen trotz ungezupften Augenbrauen, neuen Pickel vom fettigen Essen und etwas ungebürstetem Haar trotzdem bewundert und als unglaublich hübsch angeschaut. Während ich am liebsten ihre gebräunte Haut und vollen dunklen Locken hätte.

Man will wohl immer, was man nicht hat.

Ein anderes Adjektiv um die Leute hier zu beschreiben, wäre laut. Wenn irgendwas witziges oder peinliches passiert, wird immer ohrenbetäubend laut gejohlt, gepfiffen und geschriehen, manchmal wissen sie nicht mal was passiert ist, aber mitgegrölt wird trotzdem mal.

Mädchen im Gegensatz kreischen aus dem nichts laut auf oder brechen, gleichzeitig in die Hände klatschend, in lautes Gelächter aus.
Ich, als in der Schweiz ein eher lautes Wesen, bin hier eine Maus.

Aber so alles in allem habe ich das Gefühl, passe ich hier ziemlich gut rein. Die Leute hier sind, wie ich, etwas vergesslich. Zu spät kommen war auch schon immer etwas meine Stärke, welche ich jetzt ohne schlechtes Gewissen sogar noch verbessern kann. (Viel Spass mit mir dann wieder in der Schweiz)
Wie Costa Ricaner gefällt es mir, alles etwas vor mir her zu schieben (davon könnten meine Eltern ein Lied singen).
Und mit einem "mach ich gerade" in Spanisch - mein Lieblingswort "ahorita" weiter in den Tag hinein zu träumen.
Nur mein schnelles Gehen muss ich mir noch abgewöhnen, aber da bin ich ja sogar in der Schweiz eine Ausnahme...

Ich habs auch schon geschafft den zweiten Blogeintrag vom März zu schreiben. Etwas verspätet, dafür länger.
April folgt bald!
Ja liebe Leser ich hoffe dieser kleine Kultureinblick hat euch gefallen.

Über einen Kommentar, auch kritischer Art, würde ich mich sehr freuen.
Man soll schliesslich immer dazu lernen! (Und so weiss ich, dass ausser meinen Eltern sonst noch jemand meinen Blog liest ;-))
 
Bueno me voy a la playa ahora, tengo libre hoy - la segunda vez en esta semana!... Ay que Vida! Verdad?! ;)

Hasta la vista... guilas!

Lara

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Kommentare: 8
  • #1

    Bruudi (Sonntag, 17 April 2016 12:52)

    Du bish immer aktiv, dini Blogs send mega spannend, hoff mal, dass öppis über Ghörlosigkeit chunnt ^^. Mach wiiter so und vell spass no.
    Dis chline Chaosmonster :D

  • #2

    Lara (Sonntag, 17 April 2016 17:34)

    Ahorita ;)
    @chaosmonschter

  • #3

    daniela rossi (Sonntag, 17 April 2016 23:18)

    hola ahorita

  • #4

    Götti (Montag, 18 April 2016 05:59)

    Hoi Lara,
    nach dem Wink von Mama Tanja hab ich mich reingeklickt in die Costalararicawelt. Es ist oberspannend deinen Verdauungsprozess zu verfolgen. Ich habe mir soeben vorgenommen regelmässiger den Larablock zu lesen. Du schreibst sehr bildhaft, lebendig und unterhaltend. Gratuliere !! Bleib dran am Alltag er wird immer spannender und plötzlich wirst du sogar noch eine gute Tänzerin...! Auch im übertrageneren Sinn zwischen zwei Welten. Mit deiner intensiven Auseinandersetzung der Kulturen, gewinnst du viele wertvolle Einsichten, die dir vor allem auch eine Distanz zur eigenen ermöglichen. Dieser Weitblick finde ich sehr wertvoll !!! Zwischendurch ist es sicher auch sehr anstrengend und du wirst Teil des Fremden. Das stell ich mir aber ja länger umso spannender und intensiver vor.
    Ich wünsche dir viel Kraft und übrigens ein paar Pfunde sind nicht so schlimm, in der hektischen und forderden Schweiz wirst du sie wieder verlieren und hier wird ja nicht gelacht und gegrölt, wenn jemand etwas an Gewicht zugelegt hat.
    Hei, machs guet und bis zum Block !!
    Herzlich Götti

  • #5

    Gotti Gabriela (Montag, 18 April 2016 07:24)

    Holà corazòn!
    Habe gerade den ganzen Text verschwinden lassen, den ich dir geschrieben habe, ich hoffe, jetzt kommt nicht alles doppelt...
    Schön zu lesen, dass du wohlauf bist, bei 37Grad noch Salsa und Folklore tanzt und dich in deiner Familie wohl fühlst! Dein Eintrag lässt mich etwas mitreisen mit dir durch deine neue Welt. Ich bin beeindruckt wie differenziert du in so kurzer Zeit formulieren kannst, was du inmitten so viel Neuem erlebst auch so vieles, was gar nicht so einfach zu benennen ist! Ich wünsche dir weiterhin trotz manchmal auftauchender Wehmut nach dem Vertrauten ein so offenes Herz und Augen für die lebendige Welt um dich! Besos Gotti Gabriela.

  • #6

    Dominique Boomsma (Montag, 18 April 2016 10:15)

    Hallo Lara
    Dein Eintrag war wieder lesenswert! Es ist sehr interessant zu lesen was du bisher so beobachtet hast. Schmunzeln musste ich bei einigen Punkten, denn zu meiner Zeit in Honduras, machte ich ähnliche Beobachtungen wie du. Z. B. Das mit dem immer perfekt Aussehen, der "Pünktlichkeit" :), aber auch betreffend Tabus und der Direktheit ... Das ist ja das schöne an dem Austausch, dass man so richtig in eine andere Kultur eintauchen kann und man eine neue Perspektive kriegt.
    Wünsche dir weiterhin eine ganz tolle Zeit und ich freue mich auf deinen nächsten Eintrag.
    Herzlichst
    Dominique

  • #7

    Lara (Montag, 09 Mai 2016 06:28)

    Liebe alle
    Vielen herzlichen Dank für all die lieben Rückmeldungen, es hat mich sehr gefreut zu sehen, wie viele meinen Block (;)) lesen und ihn sogar noch spannend finden :)
    Hat mich grad wieder etwas motiviert zum weiter schreiben!
    Ganz liebe Grüsse <3
    Von der dicken, ungeschminkten, Folklortanzenden, ahorita-schlafenden Lara
    Guet Nacht :)

  • #8

    Annalies und Alex (Dienstag, 31 Mai 2016 10:59)

    Liebe Lara

    Dein SMS zu meinem Geburi hat mich sehr beglückt, danke vielmal. Ich habe dir zurück geschrieben, doch wie du schreibst ist es bei dir nicht angekommen, Opa und ich hoffen dass es jetzt klappt!
    Deine Karte mit den Ostergrüssen hat uns riesig gefreut. Wir sind froh, dass du es mit deiner Gastfamilie so gut getroffen hast, und deine Klassenkameraden mega nett mit dir sind. Pia und du Lara ihr seit zwei herzige junge Frauen. Ihr habt viel Charme und strahlt viel Lebensfreude aus.
    Uns geht es gut, wir halten uns fit mit Gartenarbeit.Wir haben jetzt ein wundervolles Blumenbeet und dies bewundern wir jeden Tag aufs neue, Das singen der Amsel auf der Zeder stimmt uns zum fröhlich sein. Doch ein wenig von deiner Costarikaner Sonne wäre bei uns willkommen. Der Monat Mai war eher ein launiger April.
    Liebe Lara,wir wünschen dir glückliche Tage mit vielen guten und frohen Begegnungen mit lieben Menschen. Auch wenn du von uns weit weg bist, in unseren Herzen bist du uns ganz nah.. Narürlich freuen wir uns wieder etwas spanendes zu hören.
    Liebe Grüsse, mit herzlicher Umarmung deine dich liebenden Grosseltern - Oma Opa Annalies u. Alex