Von neuen Bekanntschaften auf gebärdete Art

Viele haben mich gefragt, wie es  mit meinem Projekt läuft. Darum dachte ich, gebe ich euch einmal ein Update, zu meinen ersten Bekanntschaften mit gehörlosen Ticos und Annäherungen zur costaricanischer Gehörlosenkultur.

Eines Tages nach der Ankunft in meiner Gastfamilie liefen die News auf dem Channel "Teletica". Als ich genauer hinschaute, entdeckte ich unten rechts in einem kleinen Viereck eine Gebärdensprachdolmetscherin.

Ich war freudig überrascht und lief nahe zum Fernseher, um etwas sehen zu können (ich hatte, wie immer, meine Brille nicht an). Ich sah begeistert zu, verstand aber nicht viel.

Um Gebärden erschliessen zu können, verstand ich noch zu wenig Spanisch und die costa ricanische Gebärdensprache ist zu verschieden zur schweizerischen, um spanische Wörter zu lernen.

Als ich meine Familienmitglieder darauf ansprach, meinten sie, dass der neue Präsident die Übersetzung der Nachrichten für hörbehinderte Menschen erstmals eingeführt hatte.

Vereinzelte Sender sind sogar untertitelt, allerdings zu schnell, um mitlesen zu können. Aber es ist ein guter Anfang...

 

Meine erste Begegnung mit einer gehörlosen Person hatte ich bereits in der 2. Woche.

Pia und ich waren auf einer Fiesta in Liberia, auf der Suche nach etwas zu essen. Wir kamen zu einem Fleischspiessstand, wo ein Mann stand und mit einer etwas heiseren Stimme versuchte, Passanten zum Kauf zu ermutigen. Ich verstand nicht genau, was er sagte. Es war nicht sehr deutlich, ausserdem war mein Spanisch noch im Anfangsstadium. Mir war aber schnell klar, dass er gehörlos war.

 Ich kannte die Art, wie er sprach. Er konnte nicht gut artikulieren und musste sich beim Sprechen sehr konzentrieren, um die Laute richtig zu bilden.

Wir gingen näher und Pia bestellte einen Fleischspiess. Mit einem lächelnden und gleichzeitig winkendem „Hola“ versuchte ich, ein Gespräch anzufangen.

Ich benutzte schweizerische Gebärdensprache gemischt mit vereinzelten ASL  (American Sign Language) Gebärden, die mir mein Bruder beigebracht hatte und sprach gleichzeitig Spanisch. Bald liess ich die Stimme dann aber weg. Er hatte keine Hörhilfen und ich glaubte nicht, dass es ihm viel half, wenn ich mit stimme sprach. Wir unterhielten uns nicht lange. Ich erzählte ihm, dass ich einen gehörlosen Bruder hatte, aus der Schweiz komme und die costaricanische Gebärdensprache lernen wollte. Er war erfreut und überrascht und sagte mir, ich müsse in den nächsten Tagen wieder zu ihm an den Stand kommen, dann könne er es mir etwas beibringen. Ich lächelte und nickte. Aber wusste, dass es wohl nicht möglich sein würde. Wir wohnten nicht in der gleichen Stadt und meine Familie hatte schon Pläne für die nächsten Tage. Zum Abschied schenkte er mir einen Fleischspiess und mit einem Lächeln auf den Lippen stieg ich in den Bus zurück nach Santa Cruz. Ich war glücklich, zu wissen, dass ich ohne grosse Spanisch- und noch weniger Lescokenntnisse (Costa Ricanische Gebärdensprache) mit ihm hatte kommunizieren können.

Das sollte aber nicht meine einzige Begegnung mit einer gehörlosen Person bleiben. Als ich einige Wochen später mit Gabriel durch die Stadt spazierte, sah ich, wie zwei Männer miteinander gestikulierten. Ich verstand nicht viel, aber erkannte, dass der ältere der Beiden gehörlos war. Beim Beobachten der Situation, merkte ich, dass der jüngere dem Gehörlosen bei einem Fastfoodstand Essen bestellt hatte. Erst ging ich davon aus, dass sie Vater und Sohn waren. Als sich der „Sohn“ dann aber abwandte und davonlief, erkannte ich, dass der schwerhörige Mann wohl ein Obdachloser war und der junge Mann, ihm ein warmes Essen spendiert hatte. Ich wollte mit ihm reden. Das Problem dabei war, dass er keine Gebärdensprache konnte, er benutzte eigene Zeichen, die ich nicht richtig verstand. Ein richtiges Gespräch zu führen, war nicht möglich. Aber ich glaube, es hat ihn gefreut, jemanden zu treffen, der versucht hat, in seiner Sprache mit ihm zu kommunizieren.

 

Die nächste Bekanntschaft war wohl die Intensivste von allen. Es war eines Abends, ich war auf dem Heimweg. Es dämmerte bereits. Als ich um die Ecke bog, sah ich einen Mann und eine Frau, die miteinander gebärdeten. Ein Kind stand daneben und sah zu. Sie standen in meinem Weg und als der Mann ein Schritt zur Seite machte, um mich durchzulassen, bedankte ich mich mit der Gebärde, die, soviel ich weiss, auf der ganzen Welt, die gleiche ist. Er war überrascht und fragte mich, ob ich Gebärdensprache konnte. Ich antwortete ihm und wir kamen ins Gespräch. Die Frau sprach und verstand mehr als der Mann.

Ich erfuhr, dass sie Geschwister waren, beide hörbehindert, das Kind war hörend. Sie hatten einen Lesco Kurs in der Stadt gehabt, demnach gebärdeten sie nicht fliessend, konnten aber die Grundlagen. Ich verstand relativ viel und antwortete mit den Schweizer Gebärden. Einige Male verstanden wir uns nicht, darum holte ich ein Notizbuch hervor, welches ich dabei hatte. So konnten wir einzelne Wörter, die in Costa Rica anders gebärdet werden als in der Schweiz, aufschreiben und uns ohne Sprachbarrieren verständigen. 

So standen wir etwa eine Viertelstunde zusammen und gebärdeten. Der Mann hätte mir wohl am liebsten gleich alle Gebärden, die er kannte, an diesem Abend beigebracht, nachdem ich erzählte, dass ich Lesco lernen wollte. Aber ich musste nach Hause. Es war schon dunkler geworden und meine Familie wartete. Wir tauschten Nummern aus und ich versprach, sie einmal besuchen zu kommen. Bis heute hatte ich noch nicht die Gelegenheit sie zu besuchen, aber ich sehe sie ab und zu, wenn ich an ihrem Haus vorbeilaufe (es ist eine Querstrasse von unserem entfernt). Dann ergibt sich ein kurzes Gespräch. Ich habe auf jeden Fall vor, sie wieder zu besuchen.

Die letzte Begegnung, die ich hatte, war am Karfreitag. Hier ist es Tradition, dass man zu einem nahe gelegenen Fluss geht und dort ein Krokodil einfängt. Das transportiert man dann zum nächsten Dorf, misst es, wägt es und lässt es am nächsten Tag wieder frei.

Es war ein riesen Spektakel. Die halbe Stadt sah zu, ein Helikopter machte sogar Luftaufnahmen für das Fernsehen. Eine Reporterin ging herum und interviewte die Schaulustigen. Sie wurde gefilmt von einem Kameramann. Beim zweiten Hinschauen erkannte ich, dass dieser gehörlos war. Er hatte ein Hörgerät auf dem einen Ohr und ein CI auf dem anderen. Leider waren sie nur kurz da und ich hatte keine Gelegenheit, ihn anzusprechen. Ausserdem arbeitete er ja undhätte wohl keine Zeit gehabt. 

Aber als ich eines Tages in den Kopierraum meiner Schule ging, stand er da.

Er begrüsste mich in Lautsprache. Ich grüsste zurück und fragte ihn langsam und deutlich, ob er Lesco konnte. Er verstand mich nicht und wandte seinen Blick suchend zur Kopierfrau (Wir dürfen, nicht selber kopieren).

Sie schrieb meine Frage auf ein Papier und er verstand. Er schüttelte den Kopf, zeigte mir die einzige Gebärde, die er konnte. Die Gebärde für Lesco. Ich verabschiedete mich, denn ich musste zurück in den Unterricht. Die Kopierfrau hatte das Blatt, welches ich brauchte, bereits kopiert.

Den Mann habe ich seitdem nicht mehr gesehen.

Eigentlich könnte es einen überraschen, wie viele Begegnungen ich in fast 3 Monaten gehabt habe, aber ich nehme an, ich habe ein Auge dafür bekommen und achte mich einfach mehr.

 

Mein nächster Schritt wird sein, Kontakt zur Gehörlosen-Schule in San Jose aufzunehmen und einen Besuchstag abzumachen. Ich würde gerne für ein langes Wochenende nach San Jose fahren, vielleicht mit Donnerstag und Freitag, damit ich einen ganzen Tag an der Schule sein kann. Am Sonntag würde ich gerne einen Gottesdienst besuchen, der in Gebärdensprache übersetzt wird.   

Ausserdem habe ich auf Youtube Videos entdeckt, mit denen ich Grundgebärden der Lesco lernen kann. Dies sollte bei einem nächsten Besuch meiner Nachbarn die Kommunikation zu erleichtern. Meine Mutter kennt ausserdem eine Frau, die mir ebenfalls etwas mehr beibringen könnte. 

 

Und dann werde ich noch meinen Austausch geniessen. Etwas, was ich mir im Moment zu Herzen nehmen muss, einfach das Leben passieren lassen und in vollen Zügen "Aprovechen"

(wollte nicht nochmals geniessen schreiben - höhö, einfach mal in 'ner anderen Sprache escribir, das es nicht so doof klingt)

 

So ich geh jetzt schlafen, morgen muss ich wieder einmal pünktlich in der Schule sein, sonst werden meine Lehrer sauer... 

 

Ganz liebe Grüsse und...

 

Hasta luego mae

 

Lara

 

 

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Sibylle (aus dem Auenland) (Freitag, 20 Mai 2016 23:33)

    Finde deinen Blog eindrücklich und spannend.
    Grüss dich über den Ozean!
    Weiter e gueti Ziit!

  • #2

    Rebecca Jacquat (Montag, 23 Mai 2016 16:12)

    Oh Lara, das tönt spannend, was du schon alles erlebt hast! Geniesse deinen Aufenthalt und "saug" so viel auf wie du kannst! Diese Erlebnisse und Erfahrungen werden dich prägen! Apropos: ich denke, du bist nicht die einzige Schülerin, die unpünktlich zur Schule kommt...wenn ich da an die mittel- und südamerikanische Kultur denke(mañana, mañana...) :-) Liebe Grüsse aus der nassen Schweiz! Rebecca

  • #3

    Sonja Kindler (Donnerstag, 26 Mai 2016 14:27)

    Liebe Lara, holla Lara

    ist ja super was du alles erlebst. Geniesse es in vollen Zügen. weiterhin alles Lieb und Gute vo de Sonja

  • #4

    Lara (Montag, 30 Mai 2016 04:14)

    Liebe Sybille, Liebe Rebecca, Liebe Oma Hund
    Vielen dank für die lieben Wünsche und das Lob. Ich schätze das sehr!
    Ich hoffe Ihr geniesst das schöne Frühlingswetter und man hört sich. :)
    LG Lara