Bloody Mary statt Osterhase

Neben der christlichen Religiösität ist eine andere Art von übernatürlichem Glaube präsent: Die Leute hier glauben viel mehr an Geister, Spukgeschichten und übernatürliche Kräfte, als ich es mir gewohnt bin. 

Vor einiger Zeit war ein Foto im Umlauf. Auf dem Bild sind zwei Mädchen abgebildet, hinter ihnen auf einer Mauer sitzend sieht man eine halb durchsichtige geistähnliche Gestalt. 

Das Foto verbreitete sich wie im Lauffeuer in der ganzen Stadt. Alle waren total erschrocken und begannen zu rätseln, wer dieser Geist wohl sein könnte. Irgendwann kam jemand auf die Idee, dass es ein Mädchen ist, das vor ein paar Jahren verstorben ist. Einige erzählten, sie hatte einen Autounfall, andere behaupteten sie habe sich selbst umgebracht, weil sie die Abschlussprüfungen nicht geschafft hatte. Niemand wusste wirklich die Wahrheit. Letzteres Argument wurde von den Lehrern dann aber direkt gebraucht, um meine Klassenkameraden zum lernen zu motivieren.

Auf jeden Fall hatte die Geisterjagd begonnen. Es gab eine Lehrerin an der Schule, die ein Foto von dem verstorbenen Mädchen rumzeigte. Regelmässig gingen Klassen bei ihr vorbei, um den Geist  mit dem alten Foto zu vergleichen und dann aufgeregt behaupteten, dass es jetzt keine Zweifel mehr gäbe, es müsse sie sein. Meine Klassenkameraden hatten die Idee, ein Foto zu machen, an der Stelle, wo das Selfie entstanden ist, um zu sehen, ob sich das Wesen nochmals zeigen würde. Es funktionierte – wer hätte das gedacht- nicht. 

Plötzlich hatte jeder eine Geschichten auf Lager. Lehrer und Putzfrauen, die in der Abendschule arbeiten, wurden nach übernatürlichen Ereignissen befragt und diese schmückten ihre eintönige Arbeit umso gerne mit  Geschichten von knarzenden Wänden und bewegenden Stühlen aus. 

Am Ende fand ein Klassenkamerad von mir dann eine App, mit der es möglich ist, Fabelwesen in Bilder einzufügen. Einer der Geister sah "zufälligerweise" auf das Haar genau so aus, wie das Wesen auf dem Bild. 

Aber das Bild war jetzt nicht mehr wichtig, die Geister waren erwacht!

Ein anderes Mal sammelten meine Mitschüler Geld, um eine alte Wahrsagerin zu befragen, wer das Geld, das in letzter Zeit in der Klasse weggekommen ist, gestohlen hat. Sie erklärte mir, dass diese mit einem Ring und der Haarsträhne einer Jungfrau dann zwischen allen möglichen Namen pendeln würde und derjenige, der es zum anhalten bringt, sei der wahrhaftige Täter. (Wer dabei am Schluss als Räuber rausgekommen ist, hab ich nicht mitbekommen)

Ich hatte dem ganzen Spektakel mit einem Lächeln zugeschaut, keine Sekunde hatte ich an der Falschheit des Fotos gezweifelt, aber es überraschte mich sehr, wie meine gleichaltrigen Klassenkameraden und sogar meine neunzehnjährige Schwester mitgefiebert hatten.

Anmerken muss man vielleicht, dass ich auf dem Land lebe, wo Traditionen und alte Sagen noch viel mehr verbreitet  sind und die Leute konservativer und religiöser sind, als in der Weltstadt Metropole San José.

So gibt es zum Beispiel eine chorotegische(*1 siehe Verweis unten) Sage, der "Mona" auch bekannt unter "Mona bruja" [Mona = Äffin / Bruja = Hexe]. Die Legende besagt, dass sich verrückte nicaraguanische Frauen/ Hexen(*2) in der Nacht in menschengrosse Affen verwandeln, um ihre Feinde (hauptsächlich Männer) von Baum zu Baum springend zu verfolgen, mit Schreien und Kreischen, die Blut gefrieren lassen, schwächen und dann dumm oder stumm zurück lassen. Der einzige Weg, mit dem man sich von diesem Unglück retten könne, sei die Angst zu dominieren, indem man christliche Gebete laut vor sich hinsagt und eine "cruceta" [eine kreuzförmige Machete] in den Boden reinsteckt und ihr einen in Salz oder Senf getauchten Maiskolben zuwirft, damit sie bis zum Sonnenaufgang damit beschäftigt ist, die Körner rauszulesen, bis sie ihr Vorhaben bereut und schwört nie wieder jemanden zu stören oder verfolgen.

Es gibt eine ganze Reihe von solchen Geschichten und Sagen, wie "der Vater ohne Kopf" oder "die Vielweinerin"...

 

Falls es jemanden interessiert und er Spanisch versteht findet er 

 

einige andere Legenden und Sagen aus Costa Rica.

 

*1 Chorotega nennt sich das Gebiet, in dem ich lebe (Guanacaste), ursprünglich waren die "Chorotegas" aber eine etnische Gruppe, die verstreut über Costa Rica, Nicaragua und Honduras gelebt haben.

*2 So wurde es mir hier in Guanacaste erzählt. Anzumerken ist, dass es eine Feindschaft zwischen Costa Ricanern und Nicaraguanern gibt. Es geht dabei um Einwanderungspolitik, Arbeit und Nationalstolz.

 

So das war mal wieder ein kleiner Kultureinblick, ich hoffe es war spannend und lehrreich! ;-)

 

Die Zeit verfliegt im Moment wie im Flug, noch zwei Mal blinzeln und ich bin wieder zuhause. Ich geniesse meine Zeit im Moment richtig, probier alles zu machen, was ich noch machen will, Beziehungen zu stärken und gleichzeitig mit dem Blog und dem Projekt auf Trab zu sein.

Aber bald habe ich lange Ferien, dann sollte ich auf jeden Fall mal Zeit haben nach San José zu gehen und für das Projekt recherchieren zu gehen. Eventuell kann ich auch ein Praktikum an der Gehörlosenschule machen, aber es ist noch nicht sicher. I'll keep you updated!

 

Adiós Amigos y hasta luego!

 

P.S. Falls ihr Anmerkungen, Kritik, Fragen oder Themenwünsche habt, über die ich schreiben soll, ist immer erwünscht!

 

Liebe Grüsse 

 

Lara

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Kommentare: 4
  • #1

    Miro (Montag, 05 September 2016 12:54)

    Liebe Lara
    Deine letzten zwei Einträge finde ich sehr spannend und zeigen eine neue Seite von Costa Rica. Ich lese deine Blogs gerne! Mach weiter so!!!

  • #2

    Guy ;-) (Montag, 05 September 2016 12:59)

    Liebe Lara
    Deine Blogs sind so mega spannend und sehr vielfältig! Ich finde deine differenzierte Wahrnehmung und deine reflektierten Berichte extrem gut!!! Und dein Schreibstil gefällt mir auch extrem- du schreibst sehr respektvoll und trotzdem bleibt Platz für ein schmunzeln und ein Augenzwinkern-das finde ich cool!!! Bin gespannt auf deinen nächsten Eintrag!!!
    LG Guy

  • #3

    Sonja Kindler (Montag, 19 September 2016 09:04)

    Liebe Lara, das ist ein sehr, sehr spannenderBericht! Mach weiter so. Ich freue mich jedesmal, wenn ich von dir lese. Ich hab einen neuen, alten pc und komme noch nicht richtig draus!
    Jetzt ists mir mal wieder gelungen deine Geschichte zu lesen. Sei herzlich umarmt und gegrüsst vo de Oma Hund

  • #4

    Thomas Aebersold (Montag, 10 Oktober 2016 08:51)

    Liebe Lara, ja die Zeit vergeht im Fluge und das ist auch gut so. Gerne würde ich auch mal dieses spannende Costa Rica besuchen. Du hast es mir so richtig schmackhaft gemacht !!!
    Bis Bald
    Götz Thomas