Im Austausch... ...lernt man schätzen, was man hat.

Mir sind zwei Dinge klar geworden:

 

1. Ich bin nicht stolz Schweizerin zu sein, ich bin froh drum.

 

2. Ich habe mich verliebt. - In dieses Land, seine Kultur und seine Eigenheiten. 

 

 

Den 1. August feier ich, weil ich gerne grilliere und Feuerwerke mag. Ich kann weder jodeln, noch die Schweizer Hymne singen, auch besitze ich keine einzige Schweizer Flagge oder ein, den Nationalstolz zelebrierendes, rot-weisses T-shirt.

Ich fühle nichts wenn ich die Schweizer Hymne höre oder Alphörner klingen höre. Ganz im Gegenteil zu viel Patriotismus, schreckt mich ab.

 

Wie kann es dann sein, und das mag jetzt komisch klingen, dass ich hier Patriotismus fühle. Ich lebe 7 Monate hier, ich gehöre ganz offensichtlich nicht hierher, sagt mein Pass, mein Akzent, meine Zunge und meine schweizerischen Eigenheiten, die ich beibehalten habe. Es gibt viele Momente, in denen ich mich immer noch wie eine Ausländerin fühle.
Aber trotzdem passiert es dass, wenn ich die Klänge einer Marimba höre, mein Herz höher schlägt und ich einen “Grito Guanacasteco*” machen und meinen langen Tanzrock nehmen und lostanzen will.(*Typischer Schreigesang, der hier in Guanacaste sehr verbreitet ist, um z.B. Freude auszudrücken)

Dass ich, wenn mich jemand in San José fragt von wo ich bin, ich stolz sage aus Santa Cruz, bekannt als die “folklorische Stadt”, berühmt für die besten Feste, die Traditionalität und das Leben der guanacasteckischen Kultur.

 

 

Wenn ich im Ausland nach meiner Nationalität gefragt werde, bin ich nie stolz zu sagen, dass ich Schweizerin bin. Ich mag die Klischeebilder und Vorurteile nicht, die wir verkörpern. Hier in Costa Rica assoziiert man die Schweiz hauptsächlich mit Banken, Reichtum und dem Bankgeheimnis, welches unserem Land zwar viel Reichtum eingebracht hat, oftmals aber für Verbrechen und Unterdrückung missbraucht wurden.

Die Schweiz ist hier bekannt, als das Land, dass ihren korrupten Präsidenten (José María Figueres), der aus dem Land verwiesen wurde, ins Exil aufgenommen hat. 

Manchmal fühle ich mich wie ein abgehobener Bonze, der alleine wegen dem Besitz eines Schweizer Passes, in einem Vermögensvergleich mit der ganzen Welt einige Nullen mehr auf seinem Konto hat. Extrem gesagt bin ich die “weisse reiche”, die nichts macht den ganzen Tag ausser zu reisen und die Kultur kennenzulernen und dabei von den Eltern enorme Summen Geld geschickt bekommt, wenn sie es gerade braucht.

Ich mag das Bild was wir representieren, nicht. Und es stimmt schon. Wir sind reich. Wir haben ein extrem hohes Level von Komfort und trotzdem beschweren wir uns tagtäglich darüber, dass wir mehr wollen und nicht glücklich sind. 

Es stimmt, die meisten arbeiten viel für ihren Lebensstandart, aber dass sie überhaupt die Möglichkeit hatten, zu studieren, um in einer guten Position arbeiten zu können, ist nicht jedermann gegeben. 

 

Natürlich verbinde ich nicht nur schlechte Vorurteile mit der Schweiz.

Es ist meine Heimat. Ich asoziiere  Erinnerungen und Bilder an eine glücklich behütete Kindheit und Jugend.

“Hörnli und Ghackets mit Chäs, Öpfelmues und Rümeli nach einem Morgen in der Grundschule auf der Terrasse unter dem blau-weiss gestreiften Sonnenschirm mit Mama und Gebrüder essend. In der Rille zwischen meinen Eltern im Bett liegend, nach einem Alptraum über Krieg”

 

Lächerlich, denn dieser war wohl weiter weg von mir, wie von jedem Kind. Nie hatte ich einen Film gesehen, in dem Blut nicht mit einem Dinosaurier-Pläschterli hätte abgedeckt werden können. Meine täglichen Heulanfälle hatte ich, weil ich nicht meine halbe Stunde Klavier spielen wollte. Nicht, dass meine Eltern mich zum Instrument lernen gedrängt hätten, Nein das war ganz alleine mein Wunsch gewesen. 

 

Während meiner Zeit hier, habe ich immer wieder gemerkt, wie gut wir es in der Schweiz haben, wie dankbar wir für unseren Komfort, die Sicherheit und unsere Freiheiten sein müssen. 

 

Dafür, dass ich bis spät in der Nacht als Frau mit meinen Freundinnen ausgehen kann und immer einen Nachtzug-Verbindung habe. Dafür, dass ich gleich behandelt werde, wie meine Brüder und gleichaltrigen männlichen Freunde. Dafür, dass ich frei meine Meinung äussern kann und in der Politik des Landes (bald ;-)) mitbestimmen kann. Dafür dass ich studieren kann was und wo ich will, und mir nicht überlegen muss, Drogen zu verkaufen oder mich zu prostituieren, wenn meinen Eltern das Geld nicht mehr reicht für mich und meinen Bruder. Dafür, dass ich nicht wie mein bester Freund aus Brasilien mit einem falschen zweiten Smartphones rumlaufen muss, weil es bei einem Überfall zu gefährlich, wäre Widerstand zu leisten. Dafür, dass ich eine Woche lange arbeiten muss, wofür andere Vollausgebildete einen Monat arbeiten müssen, um den Gleichen Geldwert zu bekommen. Und vor allem und Überhaupt dafür, dass ein Bett, Schulbildung, ein Dach über dem Kopf und Essen und Trinken eine niemals fehlende Selbstverständlichkeit sind. 

Damit will ich jetzt auf keinen Fall sagen, dass all dies in Costa Rica nicht der Fall ist. Aber ich habe einige Dinge  gesehen und erzählt bekommen, die mir zu denken gegeben haben und realisieren lassen, dass ich plump gesagt, eifach nur verdammt Glück habe.

 

Und du, der das gerade liest, wohl auch, denn normalerweise leistet sich der Mensch zuerst lebensnotwendiges, bis er sich ein technisches Gerät und die dazu passende Internetverbindung erwerben geht. 

Schätze dich glücklich!

 

Ich hoffe euch geht es gut! Freue mich euch alle bald wieder zu sehen :) die Zeit fliegt! 

 

Liebe Grüsse

 

Aus der grossen weiten Welt

 

Lara

Kommentar schreiben

Kommentare: 5
  • #1

    Christine Ammann (Freitag, 21 Oktober 2016 21:35)

    Hallo Lara
    Met viel Interssi han ich dini Bilder und dini sehr abwechsligsriiche und idrückliche Blogiträg gläse. Es het mer immer vell freud gmacht ebbis neus vo dir zghöre. Jedefalls wönsch ich dir för dini verblebnig Ziit no alles Gueti und freue mich dich vellecht em neue Johr weder emol z gsee. Hesch dini Hoor mol gschnette unterdesse (Bild em nechste Blog ;-) )
    Met ganz liebe Grüess Christine

  • #2

    Anja Frey (Montag, 07 November 2016 13:20)

    Liebe Lara
    Ich bin eine "Teil-Weggefährtin" deiner Mama an der HfH und ich bin sehr glücklich, sie kennen gelernt zu haben und immer wieder mit ihr zu teilen.
    Sie hat mir schon vor einiger Zeit den link zu deinem blog gegeben und ich möchte dir fast zum Schluss deines spannenden Aufenthaltes sagen, dass ich sehr beeindruckt bin von deinem blog (war schon ein paar mal drin...), von deinen Gedanken und Erlebnissen und hoffe, dass viele Menschen so mutig und frei sind wie du es bist!
    Ich wünsche dir, auch ohne dich zu kennen, von Herzen eine gute, verbleibende Zeit in Costa Rica mit vielen erfüllenden Momenten, die dich noch lange nachnähren werden.
    Vielleicht auf ein Kennenlernen eines Tages
    Herzliche Grüsse aus der verschneiten Schweiz in dieses wunderschöne, spannende Land Costa Rica!
    Anja

  • #3

    Sonja Kindler (Mittwoch, 09 November 2016 00:02)

    Liebe Lara,
    ich binde es immer wieder schön deine Blogs zu lesen. Es gibt mit das Gefühl, dass du doch nich so weit weg bist. Ja du hast und auch ich und die anderen Schweizer Riesenglück, dass wir hier leben können. Vor allem für uns Frauen hat sich vieles zum Guten gewendet in den letzten Jahren seit wir das Frauenstimmrecht haben. Zu meiner Zeit als junge Frau hatten wir nicht die Möglichkeit eine Lehre zu machen oder diesbezügliche Wünsche anzumelden.
    Ja als ich eingeschult worden bin 1951 war es sogar so, dass nur unverheiratete Frauen Lehrerinnen sein durften. Sobald sie heirateten mussten sie den Job aufgeben. Denn dann war der Mann für den Lebensunterhalt zuständig und eine verheiratete Frau durfte nicht arbeiten gehen.
    Auch als ich verheiratet war und bei der Raiffeisenkasse einen Genossenschaftsanteil von Fr. 200.-- kaufte, konnte ich diesen nicht auf meinen Namen erwerben, obwohl das Geld von mir war, wurde der Genossenschaftsanteilschein auf den Namen von Christian Kindler ausgestellt. Ich durfte auch keine eigenes Konto auf meinen Namen eröffnen als verheiratete Frau!
    Ich bin sehr froh und glücklich dass sich durch die Einführung des Frauenstimmrechts auch die Rechte für die Frauen verbessert hat.
    Dadurch dass ich bald eine Alleinerziehende Mutter war, habe ich mich immer wieder für den Fortschritt und die Gleichberechtigung der Frauen eingesetzt.Ich bin auch stolz, dass ich die vielen Jahre und die vielen Engagements mitgehalten und miterleben konnte. Das war mit ein Grund weshalb ich in die Politik eingestiegen bin. Und es freut mich natürlich sehr, wenn ich sehe, dass du als mein Enkelkind ein so gutes Selbstwertgefühl hast und schon in so jungen Jahren die Unterschiede der anderen Länder und Menschen siehst.
    Seit ganz herzlich gegrüsst und mit lieben Grüssen vo de Oma Hund = Sonja

  • #4

    Mäde Müller (Sonntag, 20 November 2016 10:19)

    Liebe Lara Larita

    Gestern habe ich ein Biberli gegessen!
    Was ist daran besonders?

    Seit ich dir im Sommer ein Paket bringen durfte von deiner Schweizerfamilie, sind für mich Biberli besonders :-)
    Voller Freude hast du es am Küchentisch bei deiner Costa Ricanischen Familie ausgepackt! Du hast gestrahlt und gesprudelt vor Freude. Du hast deiner Gastfamilie erklärt, was da drin ist. Dein kleiner CR-Bruder bekam grosse Augen bei der Schoggi, deine CR-Schwester schmunzelte über die Pikel-Crème,....
    Den Sack mit Lieblings-Bärentatzen hast du an dein Herz gedrückt und bei den Biberli suchtest du nach Worten: dir kam das Wort für Biberli nicht mehr in den Sinn!! Ja, hast gesprudelt vor Freude und uns dann angeschaut und gefragt: "wie heissed die scho wieder???"

    Die Biberli: es ist keine Selbstverständlichkeit, Biberli zu essen. Du hattest schon so lange keine mehr, dass du dieses Wort suchen musstest.
    In deinem Blog beschreibst du auf eine so schöne Art und Weise über die Selbstverständlichkeit Nicht-Selbstverständlichkeit von wichtigeren Dingen wie Biberli. Vielen Dank!!

    Deine Botschaft, dass du ein Austauschjahr sehr empfehlen kannst, kann ich nur unterstreichen, auch wenn man nicht mehr 17J. ist.
    Ich arbeitete als 37-jährige Frau in Tibet, was mich sehr geprägt hat, inklusive Nebenwirkungen: ich habe 10 Jahre danach immer noch Heimweh nach dem Ort und den Menschen dort.

    So wünsche ich dir eine gute restliche Zeit in Costa Rica und danach ein gutes Heimkommen. Die Musik-CD MALPAIS habe ich für dich kopiert :-) sie wartet bereits auf dich.
    Abrazo, Mäde

  • #5

    Lara (Sonntag, 20 November 2016 20:26)

    Liebe Kommentar-Schreiber
    Hui ist viel Zeit vergangen, seit ich das letzte Mal hier drauf war *schäm*
    Viele Dank für all die lieben Bemerkungen und Reflexionen eurerseits, es freut mich zu sehen, dass meine Texte auch euch zum denken anregen und Erinnerungen und Erkenntnisse hervorrufen.
    Ich freue mich darauf, bald mal wieder Malpais hörend Bieberli zu essen und natürlich euch alle wieder zu sehen, bzw. kennenzulernen haha
    Liebe Grüsse
    Lara
    P.S. Ich hab meine Haare wirklich geschnitten hier, das war das wohl schlimmste Haarschneiderlebnis meines Lebens, es dauerte etwa 5 Minuten und meine Arbeit von einem halben Jahr war hin, mittlerweile hat sich der Unfall aber etwas rausgewachsen. :P